Danke, Frau Steiner!
Normalerweise ist das, was die Lateinhasser von sich geben, weder sonderlich informativ noch amüsant. Nicht so Ihre Kolumne, Frau Bettina Eibel-Steiner (in der Presse vom 20. März). Die „Argumente“ gegen den Lateinunterricht sind durchwegs putzig und man bekommt ein ziemlich genaues Bild – nicht von Latein freilich, sondern von einigen Aspekten Ihrer Persönlichkeit. Links daher kursiv der Inhalt Ihrer Kolumne und rechts einige Bemerkungen meinerseits.
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Ich gehe in einen Italienischkurs. Ich verrate das ungern, weil ein Kollege von mir neulich im Scherz gemeint hat, er mutiere langsam zum Spießer, und wenn das so weitergehe, werde er noch Yoga betreiben oder einen Italienischkurs in der Volkshochschule besuchen, haha – und bei mir ist es zwar nicht Yoga, sondern Pilates, und ich besuche nicht die Volkshochschule, sondern das Italienische Kulturinstitut. Aber die Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen. |
Gleich vorweg: Gratulation zu Ihrer Entscheidung! Italienisch ist eine wunderbare Sprache und Italien ein phantastisches Land, das ich immer wieder mit Freude besuche. Was daran spießig sein soll, eine Sprache zu lernen, ist mir unverständlich – und auch der Besuch eines Kurses ist es mit Sicherheit nicht. Ich habe mir einen Grundkurs an einer Volkshochschule gegönnt, sodass ich selbst dank meiner sonstigen Sprachkenntnisse (8 Jahre Englisch, 4 Jahre Französisch, 6 Jahre + 1 Studium Latein) ein Niveau erreichen konnte, das ich für das Führen meiner Schülergruppen abseits touristischer Trampelpfade brauche. |
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Zwei Lektionen habe ich schon hinter mir, es ist also noch zu früh, um zu sagen, ob ich im Sommer imstande sein werde, mich mit Bademeister Emilio zu unterhalten, der immer geduldig genug war, zu entschlüsseln, was mein Mann und ich mit unserem Gefuchtel meinen. Aber immerhin haben mir zwei Lektionen gereicht, um bestätigt zu finden, was ich vermutet hatte: Latein hilft gar nichts. Nada. Niente. Rien. (Ich hoffe, das stimmt jetzt). |
Jetzt wird es amüsant: Nach zwei Lektionen können Sie zwar nicht sagen, ob Sie jemals ein einfaches Gespräch in dieser Sprache werden führen können, aber es ist Ihnen bereits vollkommen klar, dass Ihre „Lateinkenntnisse“ nicht dabei helfen werden, Vokabular, Syntax und Grammatik dieser Sprache zu erlernen. So ein Glück, dass Sie schon mit dieser Erwartungshaltung an die Sache herangegangen sind – Überraschungen können schockieren. Gewiss, um von nihil auf niente zu schließen, bedarf es wohl eines Indogermanistikstudiums, da geht es von rien aus besser. |
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Nun ist es nicht so, dass mir Italienisch schwer fällt, im Gegenteil: fare erinnert mich ans französische faire, cancellare ans englische to cancel, dormire ist gleich dormir ... Und so bastle ich mir mein Italienisch zusammen – nur an Latein habe ich noch kein einziges Mal gedacht, obwohl ich sechs Jahre Latein hatte und nur vier Jahre Französisch. |
Dass Sie bei fare nicht an facere denken und bei dormire nicht ans lateinische dormire (da ist jeder Buchstabe gleich!), ist ja nicht die Schuld dieser Sprache. Wie wäre es, wenn Sie einfach etwas mehr denken würden? |
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Jetzt will ich nicht behaupten, dass das Italienische mit dem Lateinischen gar keine Ähnlichkeit aufweist. Vielleicht tut es das ja. Wahrscheinlich sogar. Der Punkt ist: Ich weiß es nicht, ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was daher rührt, dass diese Sprache mausetot ist. Ja, ich bin versucht zu sagen: toter, totest. Toter als damals, als diese Sprache auch schon tot war, aber noch der eine oder andere lateinische Satz in der Kirche zu hören war. Und weil sich mein Gehirn nicht merkt, was es 20 Jahre nicht gebraucht hat – Voilá. Ecco. Nix mehr da. |
Gott sei Dank, dass Sie nicht auch noch die Herkunft der italienischen Sprache von der lateinischen abstreiten. Der Punkt ist: Sie können gar nicht (mehr) Latein, was eventuell mit Ihrem Merkvermögen zusammenhängt, mehr wohl aber noch mit der Tatsache, dass Ihnen Latein als tote Sprache beigebracht wurde. Das war, wie Sie selbst schreiben, vor 20 Jahren. Meinen Sie, mein heutiger Lateinunterricht hätte mit dem der 80er Jahre viel gemein? Vielleicht haben Sie als Schülerin auch schon Liedtexte übersetzt (et quando sumus angeli, ... - im Original: „und wenn wir einmal Engel sind, ...“), Spiele gespielt oder selbst erstellt, Filme auf DVD (damals Video) oder im Kino angeschaut und vor allem Freude an der Betrachtung unterschiedlicher Themen aus einer römischen Perspektive heraus gehabt. Sie würden sich wundern, wie viele Parallelen es zwischen der aktuellen amerikanischen Gesellschaft und der römischen vor mehr als 2000 Jahren gibt (Pax Americana). Ich hatte ungefähr zur selben Zeit wie Sie bereits einen recht modernen Lateinunterricht, der mir vor allem eines gezeigt hat: Lateinunterricht ist, was man daraus macht. Deshalb ist es auch mein Ziel, nicht so sehr ein Fach zu unterrichten als meine Schüler. Und in der Kirche – ein Hoch auf unseren Papst – wird Latein hoffentlich bald wieder häufiger zu hören sein, damit Menschen aus aller Welt einander verstehen können! Schade, dass Sie nicht Latein verstehen, denn die aktuellen Nachrichten in lateinischer Sprache sind ebenso wenig tot wie die Presseaussendungen der Finnen während des EU-Vorsitzes. |
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Aber die Fremdwörter? Da hab ich die lateinischen auch nicht leichter erlernt als die aus dem Griechischen stammenden. Medizin? Soll man jahrelang Latein büffeln, um sich ein paar Knöchelchen besser zu merken? Die Grammatik? Ach, das Italienische hat doch auch eine Grammatik! Ich wünschte, ich hätte Italienisch statt Latein gelernt. Dann wäre ich jetzt vielleicht nicht so ein Spießer. |
Abgesehen davon, dass der Lateinunterricht auf mehr abzielt als auf das Verstehen von Fremdwörtern in anderen Sprachen, vergessen Sie bitte nicht: Sie können nichts darüber aussagen, wie nützlich Lateinkenntnisse sind, weil Sie über keine verfügen! Heute können Schüler Latein und Italienisch lernen, sei es als dritte Fremdsprache oder – falls es an der Schule angeboten wird – als Wahlpflichtfach (gab es damals noch nicht). |
Fazit: Sie behaupten, Latein - wie wollen Sie das mit einer Sprache machen? - sei abzuschaffen, weil Sie dieses Wissen in der Zeit nach der Matura nicht angewendet sondern vergessen haben. Können Sie noch integrieren und Kurven schneiden? Ist Ihnen die Stellung des Lehensherrn im Frühmittelalter geläufig? Zerfallsgesetz radioaktiver Stoffe, Ringbindungen in der organischen Chemie, die Tonleiter der Zwölftonmusik, ... – alles vergessen? Warum fordern Sie nicht gleich die Abschaffung der Schule oder zumindest der gymnasialen Oberstufe? Sind Sie das Maß aller Dinge? Oder ist das etwa jemand, die nie auf seine Englischkenntnisse zurückgreifen musste? Soll Deutsch etwa auch aus dem Kurrikulum fliegen, weil Sie den Genitiv („ein Kollege von mir“) und die Beistrichsetzung („bei mir ist es zwar nicht Yoga, sondern Pilates“) nicht mehr beherrschen?
Bevor Sie weiter über Dinge schreiben, von denen Sie keine Ahnung haben, besuchen Sie doch einen Lateinkurs! Sobald meine Schüler die Schularbeit geschrieben haben, kann ich Ihnen auch die Texte schicken. Das Thema lautet diesmal „Zehn Dinge, die ich an dir hasse“. „Titanic“, „Ben Hur“, „Wallace und Gromit“ oder „Rotkäppchen“ hat es auch schon gegeben. Dass es Asterix, Harry Potter oder Karl May in lateinischer Sprache gibt, werden Sie wahrscheinlich auch nicht gedacht haben.
Finalmente: Latein ist eine klassische Sprache, keine tote – oder meinen Sie, der französische, spanische und englische Wortschatz käme ohne die aus dem Lateinischen stammenden Begriffe aus? Ihre Unkenntnis der Ausgangsworte ändert nichts an dieser Tatsache. Solange noch Menschen leben, die Latein lehren, lernen, sprechen und schreiben, ist Latein nicht tot – oder wollen Sie uns etwa alle ausrotten?