Praeens

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Praeens

Beitragvon Brakbekl » Sa 11. Aug 2012, 11:30

Warum sagen wir eigentlich ens, entis, aber bezeichnen die Gegenwart mit Präsens, und nicht mit Prae-ens?

Woher das s?
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Re: Praeens

Beitragvon Luca » Sa 11. Aug 2012, 11:48

praesens - part.praes. von prae-sum (H. Menge)
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Re: Praeens

Beitragvon Brakbekl » Sa 11. Aug 2012, 11:54

Also hieß es irgendwann mal *sens, sentis oder?

Was ist eigentlich Essens für eine Form? von *exesse?
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Re: Praeens

Beitragvon Luca » Sa 11. Aug 2012, 12:06

Georges gibt an:
praesens - praes. u. ens von sum
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Re: Praeens

Beitragvon marcus03 » Sa 11. Aug 2012, 12:14

Im Mittelalter gibt es die Form "ens, entis".
Eine Schrift des Thomas von Aquin trägt den Titel:
DE ENTE ET ESSENTIA (Über das Seiende und das Wesen)
"ens" entspricht dem griech. "to on".
Offenbar werden die PPA nur von "abesse" und "praeesse" gebildet.
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Re: Praeens

Beitragvon Tiberis » Sa 11. Aug 2012, 14:00

brakbekl hat geschrieben:Woher das s?

das s ist nichts anderes als der stamm ! beim verb esse gibt es bekanntlich zwei stämme : es und s.
von letzterem wird auch (dort, wo es existiert) das part. präs. gebildet:
ab - s - nt -s > absens (e wie bei den verben der 3. konjug.)
das part. "ens" ist im antiken latein m.w. nicht belegt. erklärbar wäre es aber aus *es-nt-s
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Re: Praeens

Beitragvon Zythophilus » Sa 11. Aug 2012, 16:00

Soweit ich weiß, hat auch das antike Latein ein Präsenspartizip von esse, das aber eine Spezialbedeutung bekommen hat: sons.
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Re: Prae-s-ens

Beitragvon Prudentius » So 12. Aug 2012, 10:49

beim verb esse gibt es bekanntlich zwei stämme : es und s.


ich würde lieber sagen, einen Stamm mit Vollstufe es- und Schwundstufe s-,

Bei der Flexion werden drei Formen von der vollen und drei von der reduzierten Stufe gebildet;
bei den schwundstufigen Formen wird noch der Thema- oder Binde-Vokal zwischengeschaltet; also

thematisch: s-u-m, s-u-mus, s-u-nt,
athematisch es(-s), es-t, es-tis (es du bist müsste eigentlich mit zwei s geschrieben werden),

dann gibt es auch die vollstufige thematische Form: "er-i-t" usw., für das Futur, aus es-i-t, zwischenvokalisches s wird zu r.

Das ens ist m.E. eine künstliche Wortbildung aus der Scholastik des Mittelalters, diese erlebte im 12. Jh. eine Blütezeit, vor allem an der Pariser Universität, Thomas von Aquin ist der berühmteste, damals gab es einen denkwürdigen Wechsel der Orientierungsrichtung, man führte den Aristotelismus ein und löste das bis dahin vorherrschende Modell des Augustinusmus/Neuplatonismus ab, das war schon der erste Schritt zur Neuzeit mit ihrer Hinwendung zur Empirie hin.
Man brauchte eben ein Pendant zum aristotelischen "to on", das Seiende, na ja, und was es nicht gab, musste erfunden werden; dabei waren die Philosophen/Theologen keine Sprachgelehrten, so unterlief es ihnen, dass das vermeintliche PC "ens" gar nichts von dem Stamm "es-" enthielt, denn der Anlaut e- ist ja der Bindevokal, der s-e-ns verbinden sollte.
Allerdings liegt der gleiche Mangel schon im Griechischen vor: auch das "on" fängt ja mit dem Bindevokal an, bei Parmenides gibt es noch die eigentlich korrekte Form "to eon" (aus es-o-n).
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Re: Praeens

Beitragvon Zythophilus » So 12. Aug 2012, 11:17

Originellerweise lebt diese künstliche Bildung ens als ganz normales Wort im ital. "ente" (Wesen, Anstalt etc.) weiter.
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Re: Praeens

Beitragvon Luca » So 12. Aug 2012, 11:38

Das von Cäsar gebildete PPr: Ä“ns wurde erst in der mittelalterlichen Philosophie gebräuchlich, jedoch klassisch die Komposita: absÄ“ns, praesÄ“ns.
(Zitat aus: Throm, Cornelsen-Grammatik)
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Beitragvon Zythophilus » So 12. Aug 2012, 13:05

Den Hinweis auf Caesar findet man immer wieder, leider fehlt die Stellenangabe. Ich vermute, dass er es in De analogia erwähnt, aber wo findet man den Beleg?
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Re: Praeens

Beitragvon Zythophilus » So 12. Aug 2012, 13:19

Quintilian nennt jedenfalls einen Sergius Plautus (oder Paulus) als Erfinder von ens und essentia. (Inst. VIII,3,33).
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Beitragvon Oedipus » So 12. Aug 2012, 13:41

Für diejenigen, die ihren Quintilian gerade nicht griffbereit haben, um Zythophiliens Textstelle zu prüfen:

Bild

Als Varianten gibt es noch "Sergio Plauto" und "Sergio Flavo", welche aber beide Konjekturen sind.
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Re: Praeens

Beitragvon Tiberis » So 12. Aug 2012, 14:31

Zythophilus hat geschrieben:Den Hinweis auf Caesar findet man immer wieder, leider fehlt die Stellenangabe. Ich vermute, dass er es in De analogia erwähnt, aber wo findet man den Beleg?

einen diesbezüglichen hinweis findet man bei Kühner-Holzweissig I, 804:
"als Participium soll nach Prisc. 18,75 p.1140 P. Caesar (s. Iulii Caesaris de analogia lib.II fragm. p.757 Nipperd.) die form ens (gen. entis) gebraucht haben..."
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Re: Praeens

Beitragvon Luca » So 12. Aug 2012, 15:07

Dieser Priscianus (der Grammatiker) schreibt u.a.:

Caesar non incongrue protulit ens a verbo sum es, quomodo a verbo possum potes, potens.
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